Ende der Unschuld

November 9, 2016

Das heutige Datum, der 9. November, ist schon ziemlich geschichtsüberladen. Als wäre es nicht genug, hat nun die gestrige Nacht mit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA eine weitere Zäsur hinzugefügt, über deren Folgen nur spekuliert werden kann. Aber darüber will ich gar nicht schreiben, obgleich es den einen oder anderen Bezug geben mag, wenn es um die Fragen von Ursachen, Schuld und Verantwortung geht.

Vor numehr 78 Jahren entlud sich ein staatlich gelenkter und organisierter Terror gegen deutsche Juden. Sie wurden im eigenen Land, dem sie dienten und zu dessen Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft sie beitrugen, für rechtlos erklärt und dem aufgehetzten Mob ausgeliefert, nicht selten untätig und voller Häme beobachtet von ihren Nachbarn. Andere taten ihren Mund nicht auf, sei es aus Gleichgültigkeit oder Angst. Das ganze erscheint einerseits unbegreiflich fern und doch wieder ganz erschreckend nah. Viele sagen dann: “Das hat nichts mit mir zu tun, ich kann nichts dafür, das ist lange her.” Es erscheint auch logisch, statt von “Schuld” von “Verantwortung” der heute lebenden Menschen zu reden. Darüber hat Erik Flügge einen sehr lesenswerten Beitrag geschrieben: “Bin ich schuld an Auschwitz?” Er kommt zu dem Schluss:
Schuld als Teil von sich zu begreifen, hat aber auch ein konstruktives Moment. […] Denn erst wenn man sich selbst als Teil eines Gesamtsystems versteht, in dem sich Schuld aus Tausenden von kleinsten Puzzleteilen zusammen setzt, kann man sich selbst als handelndes Individuum kritisch betrachten und verantwortlich seinen Weg gehen. Spricht man sich selbst die Schuld ab, dann verstellt man sich den Blick auf die eigene Verantwortung.

Das hat mich erschüttert, aber konstruktiv. Ich gehöre ja zu den in der “Gnade der späten Geburt” auf die Welt gekommenen. Aber das Ende des 2. Weltkrieges lag zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein knappes Vierteljahrhundert zurück und die Zeitspanne, die ich selbst bewusst überblicken kann, ist beinahe doppelt so lang. Meine Eltern haben die Zeit von Diktatur und Krieg miterlebt, mein Großvater mütterlicherseits, der mir als Zeitzeuge vieles zu berichten wusste, wuchs noch im Kaiserreich auf. Insofern ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts auch Familiengeschichte – aber ich möchte nicht in diese abschweifen – zurück zu Flügges Blog:

Spontan schossen mir viele Gedanken und Assoziationen durch den Kopf, die ich im folgenden – etwas geordnet – wiedergeben möchte: “Ende der Unschuld” hieß ein Fernsehfilm Anfang der 1990er Jahre. Es ging um das deutsche Uranprojekt während des 2. Weltkrieges und die anschließende Internierung der beteiligten Physiker im englischen Landsitz Farm Hall. Deren Reaktionen auf die Nachricht von Hiroshima wurden heimlich aufgezeichnet. Freilich hatte die Wissenschaft ihre Unschuld schon längst – spätestens 1915 – verloren, als nach dem Plan des späteren Nobelpreisträgers Fritz Haber Giftgas als erstes Massenvernichtungsmittel bei Ypern eingesetzt wurde. Seine Frau Clara Immerwahr missbilligte dies als Perversion der Wissenschaft und wählte am Morgen nach der Siegesfeier den Freitod.

Jetzt könnte ich mich zurücklehnen und etwas von Verantwortung faseln. Oder mich mit der Anwendungsferne von Grundlagenforschung beruhigen – nur dauerte es gerade mal 7 Jahre von einer Zufallsentdeckung zweier Kernchemiker bis zum “Trinity-Test”. Nach nur gut der doppelten Zeitspanne fasst Friedrich Dürrenmatt die Unentrinnbarkeit in den zentralen Satz: Alles Denkbare wird einmal gedacht. Das ist natürlich eine problematische Allaussage, da völlig unklar bleibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit zu welchem Zeitpunkt was auch immer gedacht werden kann. Immerhin hat die Menschheit bisher ihre nukleare Selbstvernichtung vermieden – aber vielleicht haben wir auch nur Glück gehabt? Ich forsche nicht mehr aktiv, sondern vermittle die Ergebnisse der Forschung, und versuche junge Menschen dafür zu begeistern. Nicht nur theoretisch könnte es sein, dass u. a. durch meine Motivationsarbeit jemand am Ende vieler verflochtener Einzelereignisse etwas entdeckt, das vielen Menschen, ja vielleicht der gesamten Menschheit zum Schaden gereichen könnte.

Da kann ich nicht heraus. Und auch aus der Vergangenheit nicht, die uns – ob wir wollen oder nicht – immer beeinflusst. Wie im Film “Magnolia” (1999) der Satz “Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns.” als Gleichnis der Ursünde gelesen werden kann. Dieses Denkmodell entwirft Joseph Ratzinger in seinem Buch “Einführung in das Christentum” (1971): “Von ihr [der Erbsünde] zu reden besagt eben dies, dass kein Mensch mehr am Punkt Null, von der Geschichte völlig unversehrt, anfangen kann. Keiner steht in jenem unversehrten Anfangszustand in dem er nur frei sich auszuwirken und sein Gutes zu entwerfen brauchte; jeder lebt in einer Verstrickung, die ein Teil seiner Existenz selber ist.” Wenn ich im Institut in eine Vitrine mit historischen Apparaturen schaue, so fällt mein Bick auf Graphitblöcke aus den 1940er Jahren – Teil des Uranprojekts. Zeitlich so fern und doch als stummer Zeitzeuge so nah vor Augen.

Vor einiger Zeit habe ich in Karlsruhe die Oper “Doctor Atomic” von John Adams besucht. Das ungewöhnliche Libretto beruht auf Originaldokumenten des Manhattan-Projekts und spielt unmittelbar vor dem ersten Kernwaffentest, von Robert Oppenheimer “Trinity” genannt nach dem Sonett “Batter my heart, three-person’d God” von John Donne. Adams vertont dies am Ende des 1. Akts in einer beeindruckenden Arie Oppenheimers.

trinity

Ähnlich ist mir heute zumute.

Kammerers kuriose Koinzidenzen

February 7, 2016

These strange things happen all the time. [Narrator from “Magnolia”]

Es gibt Zufälle (oder auch nicht) und es gibt Forscher und dann gibt es noch Zufallsforscher. Über den “Horror Casus” (für alle Nicht-Lateiner: mit langem u!) werde ich mich ggf. an anderer Stelle auslassen – hier nehmen wir mal den Zufall als solchen als gegeben an (oder auch nicht). Ein nicht ganz unbekannter Zufallsforscher war der Biologe Paul Kammerer, der sich eigentlich mühte, einen Beweis der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften zu erbringen – eine seiner Assistentinnen war übrigens Alma Mahler, die er abgöttisch verehrte. Ihr widmete er eine Abhandlung “Über Erwerbung und Vererbung des musikalischen Talentes”. Daneben publizierte er 1919 das sprichwörtlich gewordene Werk “Das Gesetz der Serie” über unerklärliche Koinzidenzen zu denen er das Prinzip der “Serialität” entwickelte. Damit nahm er den Gedanken der Synchronizität bei C. G. Jung und Wolfgang Pauli vorweg. Es ist eine moderne Legende, dass ihn die Zufallsforschung in den Wahnsinn und letztlich in den Selbstmord getrieben habe. Vielmehr sah er sich außerstande mit massiven Vorwürfen der Fälschung bei seinen biologischen Forschungen umzugehen und erschoss sich am 23.09.1926.

Das traurige Ende mal beiseite geschoben, sorgt das Kuriosum der Serialität bei selektiver Betrachtung von Alltagsbegebenheiten gerne für Heiterkeit, wie 1995 in einer köstlichen Glosse in der ZEIT beschrieben (ich habe damals wirklich Tränen gelacht).

Eine filmisches Gesamtkunstwerk um das Thema Zufall ist Magnolia von Paul Thomas Anderson. Allein schon der Anfang mit “unglaublichen” (tragischen) Koinzidenzen (Bsp.) ist der Kammerer’schen Serialität verpflichtet und im weiteren Verlauf offenbaren sich die zunächst unabhängig scheinenden Handlungsstränge als schicksalhaftes Geflecht und streben unausweichlich aufeinander zu – begleitet von einem geradezu biblischen Froschregen. Zusammenfassnder Kommentar ist: “This happens. This is something that happens.” Die Bedeutung der Zahl 82 wäre ein eigenes Thema wert, aber ich schweife ab …

Hier nun ohne Anspruch auf Vollständigkeit ein paar eigene Erlebnisse (die bitte mit Humor und nicht zu ernst zu nehmen seien – oder auch nicht):


Die beste Zahl (73, siehe hier)
[12.12.2010]


Rimski-Krankenhaus
[09.04.2011 01:30 MESZ] Jocelyn Towne fragt auf Twitter: “Anybody have any suggestions for a fictional hospital name for I Am I? Let me know!”
In dem Film leidet der Vater der Protagonistin am Korsakow-Syndrom – ich höre just im Radio (ARD-Nachtkonzert) “Sheherazade” von Rimski-Korsakow (in der Klavierfassung).
Meine Antwort: “Rimsky Medical Center”


Die Dixi-Suite
[27.09.2013 vormittags] Im Radio wird die ‘Kleine Suite in a-moll’ Op. 1 von Carl Nielsen angesagt, mit welcher dieser ‘seine erste Duftmarke als Komponist setzte’.
Just in diesem Moment überholte mich ein Transporter mit Mobiltoiletten.


Achatz-ius
[26.01.2014 morgens] Am Morgen eine Betrachtung von Anselm Grün zum Hl. Achatius (einer der 14 Nothelfer) gelesen. Im Text kommt die eingedeutschte Form ‘Achaz’ vor.
Vor dem Institut dann Bauarbeiten der Fa. Bilfinger Achatz GmbH.


Rosa-weiß
[08.10.2014 nachmittags] Im Kaffeebereich steht auf einem Tisch ein Teller mit diesen leckeren Minz-Schokolinsen in rosa und weiß.
Da kommt in diesem Moment im Flur eine Kollegin in weißer Bluse und rosa Hose entgegen.


Wüsten und Gärten
[28.09.2015 vormittags] Ich sitze in der Kirche kurz vor Beginn eines Gottesdiensts und grüble über einem Presseartikel zu einem Flüchtlingsprojekt (Einrichtung eines Interkulturellen Gartens auf einem wüsten Kirchengrundstück). Da kommt mir das NGL “Wo ein Mensch Vertrauen gibt … usw. … der aus Wüsten Gärten macht” in den Sinn.
Das Eröffnungslied war zu meiner Überraschung just selbiges.


Sequenz in a-moll
[26.07.2015] Ein Facebook-Freund lässt mich wissen, dass er gerade das Praeludium (a-moll) BWV 543 geübt hat.
[28.07.2015] Ich schreibe ihm, dass der Choral No. 3 (a minor) von Cesar Franck mit einem ganz ähnlichen Anfangsmotiv beginnt.
[05.08.2015] Er berichtet, dass er gerade von einem Orgelkonzert kommt, in welchem Francks a-moll-Choral auf dem Programm stand.
[05.09.2015] Er meint scherzhaft, ich sollte doch anstatt der Toccata BWV 565 mal die (für mich völlig unspielbare) Fuge von BWV 543 probieren (guter Witz!).
[28.09.2015] Auf dem Weg nach Heidelberg höre ich eine CD mit den Violinkonzerten von Dvořák and Glasunow, die (wie mir erst später bewusst wurde) beide in der Tonart a-moll stehen.
Ich besuchte dann ein (großartiges!) Orgelkonzert in der Heidelberger Jesuitenkirche, welches mit BWV 543 eröffnet wurde (was ich erst dem Programmheft vor Ort entnahm).
[29.09.2015] Im Anschluss an die Chorprobe der Cappella Palatina fuhr ich zu später Nachtstunde heim und schaltete in gewohnter Weise das Radio ein, wo gerade das ARD-Nachtkonzert begann – und zwar mit Rachmaninows Tondichtung (nach dem Gemälde von Böcklin) “Die Toteninsel” Op. 29 (in a-moll, welche Überraschung), gefolgt von Dvořáks Violinkonzert …

a-moll


Magnificat und Te Deum
[18.10.2015 vormittags] Auf einem Chorwochenende proben wir die Vertonungen des “Te Deum” von Charpentier und Lully sowie ein Magnificat von Steffani. In der morgendlichen Messe steht – völlig unabhängig davon – als Eingangslied “Den Herren will ich loben” (dt. Magnificat) und als Gloria (etwas unliturgisch) die Strophen 5 und 6 von “Großer Gott, wir loben dich” (dt. Te Deum).


Die Mauer
[19.10.2015 abends] Im Anschluss an die Chorprobe in gemütlicher Runde Erzählungen von Erlebnissen historischer Ereignisse, u.a. der “11. September” und (sehr ausführlich) der Herbst ’89 (Mauerfall).
[20.10.2015 vormittags] Im Radio auf hr2 in der “Lesezeit” Lesung aus “Deutschland – Erinnerungen einer Nation” (2) von Neil MacGregor: Mauerbau und Mauerfall.


Poulenc reloaded und Solokonzerte, die mit der Thementür ins Haus fallen
[25.10.2015 morgens] Kaum hatte ich das Orgelkonzert von Francis Poulenc als Abschluss der “Alltime Favourite Challenge” bei Facebook verlinkt, lief im Radio ein Ausschnitt aus dem (bei mir kaum minder beliebten) “Gloria” vom selbigen Komponisten.
[25.10.2015 nachmittags] Poulencs Klavierkonzert gehört zu jenen Solokonzerten, die ohne jegliche Introduktion gleich mit dem (eingängigen) Hauptthema starten – wie auch z. B. das 3. von Rachmaninow oder das Violinkonzert von Mendelssohn. Letztere Umstände Gegenstand von virtuellem Smalltalk. Wie bestellt lief das Mendelssohn-Konzert später im nächtlichen Klassik-Radioprogramm.


Hannover und Heidelberg
[01.11.2015] Im jährlichen Allerheiligenkonzert der Cappella Palatina sang ich u. a. das Magnificat von Agostino Steffani. Dieser war nicht nur Komponist, sondern auch ein weitgereister Kirchendiplomat, der u. a. den Bau der ersten katholischen Kirche in Hannover nach der Reformation verwirklichte. In eben dieser Kirche (St. Clemens) erklang das unter Sequenz in a-moll erwähnte Orgelkonzert und jener Konzertbesucher war vormals Sänger in der Cappella.


Schafhe(i)(u)tle
[11.11.2015] Auf der Heidelberger Hauptstraße am “Café Schafheutle” vorbeigekommen und mich über den Namen gewundert. Vom Einkauf zurück auf Facebook eine Nachricht über das 60-jährige Dienstjubiläum der Organistin Anneliese Schafheitle gelesen.


TAXI!
[01.12.2015] Ein guter Freund und Literaturwissenschaftler schickt mir einen Link zu einem Kurzfilm, der mir gefallen würde. Aus Zeitgründen komme ich erst am Abend dazu, ihn mir anzusehen. Inzwischen schicke ich Musik meines Bruders, dessen “Familienband” am Wochenende zuvor auf WDR5 zu hören war. Es stellt sich heraus, dass es in dem Kurzfilm “Und ich so: Äh” um einen Berliner Taxifahrer mit absurden Alltagssituationen geht. Kurioserweise hat mein Bruder vor Jahren auch drei Taxi-Kurzfilme gedreht (Zitat aus Teil 1: “Aber die Taxifahrer in Berlin sind alle völlig bekloppt. Alle!”):
Taxi – Der Weg ist das Ziel! – PART 1 PART 2 Part 3


Bröckelreaktor
[19.12.2015 8:04 MEZ] In den Radionachrichten nennt ein NRW-Politiker das belgische Kernkraftwerk Tihange 2 einen Bröckelreaktor. Ich wechsele ins Facebookfenster und sehe ganz unten in der Chatliste Frau Bröckelmann (aus NRW).


2001
[22.12.2015] Auf Facebook wird 4’33” von John Cage diskutiert – ich erwähne als Gegenstück Kubricks “2001 – A Space Odyssey”, der mit einem “optischen tacet” beginnt (unterlegt von Ligetis “Atmosphéres”). Auf hr2 Doppelkopf ist als Gesprächspartner zu Gast Andreas Kilb, Filmkritiker der FAZ, den dieser Film nachhaltig geprägt hat.


Obedruff
[09.01.2016] Mein Schwager hatte auf seinem Geburtstagspartybuffet den Reis als Beilage zum Chili con Carne mit “Für obedruff” beschriftet. Eine der Geburtstagskarten sah so aus:

a-moll


Das “Kleine” e-Moll (Bruhns )
[11.01.2016] Momentan versuche ich nach vielen Jahren das “Kleine” e-moll-Praeludium von Nicolaus Bruhns wieder einzustudieren. Zum Geburtstag hatte ich eine Orgel-CD geschenkt bekommen und hörte sie einfach mal unbesehen an – das erste Stück war selbiges.


“Do you like Beethoven?”
[23.01.2016] Mich amüsiert jene Peanuts-Szene über Beethoven. Am nächsten Morgen erhalte ich eine Nachricht mit dem entsprechenden Cartoon (in deutscher Sprache), der gerade auf der Facebook-Seite “Snoopy” eingestellt wurde.


“Zweimal die 8. (1993)”
[07.02.2016] Ein alter Schulkollege erfreute mich mit einem Verweis auf eine wunderbare Einspielung der 8. (oder – je nach Zählweise – der 9.), also jedenfalls der “Großen” C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert mit Günter Wand (Deutsches Symphonie-Orchester Berlin in der Berliner Philharmonie vom 14. Juni 1993). Diese gehört zu meinen Lieblingssinfonien und war das erste sinfonische Werk, das ich mir seinerzeit als Teenager zugemutet habe (kann man sich einen verrückten etwa 13-jährigen vorstellen, der bei trübem atlantisch-zyklonalen Winterwetter “tief im Westen” der alten Bundesrepublik zu dieser Musik wahlweise Michael Endes “Unendliche Geschichte” oder Sagen des klassischen Altertums liest bzw. zu dieser Lektüre solche Musik hört?).
Günter Wand gehörte zu den ganz großen Bruckner-Interpreten – und damit machen wir einen Sprung um gut 10 Jahre (man ist inzwischen Diplomand am Institut für Kernphysik des Strahlenzentrums der Unversität Gießen): Am 24. August 1993* höre ich auf der Fahrt nach Gießen im Radio den täglichen Konzerthinweis des hr2-Festivalkalenders. Dieser bewirbt letzte Restkarten des Rheingau Musik Festivals für die 8. Sinfonie in c-moll von Anton Bruckner mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Günter Wand im Wiesbadener Kurhaus. Bruckners 8.! NDR! Wand! Live! Wiesbaden! – mein Entschluss stand fest … am Spätnachmittag zeitig in die Landeshauptstadt. Zum Glück überschaubare Schlange an der Abendkasse. Platz in der 1. Reihe, ca. 3 m hinter dem Maestro – es war ohrenbetäubend, einmal die blechernen Klanggewalten nahezu aus der Dirigenten-Hörperspektive zu erleben. Unvergesslich! Und nun halt dieser Flashback 1993-1983-1993 …🙂

*) Wie bekommt man das heraus? Vage wusste ich noch: Sommer 1993 oder so … ein Dienstag … aber es gibt zum Glück solche schönen Dokumente online!

[Tbc]

Hl. Geist und Geisterschiff: Gemälde „Taufe Christi“ in Villmar wird 250

January 10, 2016

Vorbilder des Kunstwerks liegen in Frankreich und Italien

An dieser Stelle sei aus aktuellem Anlass einmal ein kleiner Exkurs aus dem feldfreien Raum in das Areal der Kunstgeschichte gewagt. Die Weihnachtszeit schließt am heutigen Sonntag nach Dreikönig mit dem Fest der Taufe Jesu. Das biblische Geschehen im Jordanfluss ist in der in der Taufnische der Pfarrkirche St. Peter und Paul Villmar als Ölgemälde dargestellt, das ein unbekannter Künstler im Jahr 1766 schuf. Vorbild war ein populäres Gemälde des französischen Malers Pierre Mignard, das wiederum italienische Einflüsse zeigt.

Taufe Christi

Taufstein (1722) und Ölgemälde „Taufe Jesu“ (1766) in der Taufnische der Villmarer Pfarrkirche.

In diesem Jahr ist es 250 Jahre her, dass ein namentlich nicht genannter Künstler „für das in die Muschel (gemeint ist die Taufnische) gemachte Bild der „Taufe Christi“ laut Kirchenrechnung einen Lohn von 36 Gulden, 18 Albus erhielt. Das große Ölgemälde zeigt im Vordergrund Jesus rot-grün gewandet im Jordan stehend, den Kopf geneigt und die Arme demütig gekreuzt, von Johannes zur seiner linken die Taufe empfangend. Aus dem offenen Himmel, in goldenem Licht erstrahlend und von Wolken mit vier Engeln darin gesäumt, senkt sich der Hl. Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab; Gottvater, als alter bärtiger Mann in blau-roter Gewandung, breitet seine Hände als Spender des Geistes nach unten aus (die rechte mit zwei angewinkelten Fingern als Symbol der Trinität) und von seinem Mund geht der Spruch des Herrn als Textzeile aus: „HIC EST FILIVS DILECTVS ∙ IN QVO MIHI COMPLACUI (= Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe).“

Der in ein Fell gehüllte Täufer trägt den Kreuzstab, um welchen sich ein Spruchband mit seiner wegweisenden Botschaft wickelt: „ECCE AGNUS DEI ∙ QUI TOLLIT PECCATA MUNDI (= Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.).“ In der linken Hand trägt er ein Buch, auf dem symbolisch das Lamm Gottes ruht; mit der rechten gießt er aus einer Muschel das Taufwasser über Christus. Hinter diesem hält ein Engel ein Handtuch bereit – dieses Motiv ist eine Fehldeutung einer älteren Darstellung, wo die Hände der Assistenz in Gegenwart der heiligen Zeremonie bedeckt werden.

Auf der Suche nach den Vorbildern dieser Taufszene führt die Spur zunächst nach Frankreich: Für den Hochaltar seiner Taufkirche Saint-Jean-au-Marché in Troyes schuf 1666, also 100 Jahr zuvor, der Maler Pierre Mignard (1612-1695) das monumentale zweiteilige Gemälde «Le Baptême du Christ» (dt. Taufe Christi). Bei einer zweiten Version dieses Motivs von Mignard handelte es sich um eines von drei Fresken in der Taufkapelle von St. Eustache (Paris), die Colbert 1669 zusammen mit der Hochzeitskapelle in die alte Westfassade einbauen ließ. Beim Bau der neuen (ziemlich hässlichen) klassizistischen Fassade 1754 gingen die Fresken leider keine 100 Jahre später verloren. Davor aber hat diese Darstellung mit dem „Handtuchengel“ hohe Popularität gewonnen, indem es vielfach kopiert und als Stich gedruckt wurde – bis hin zum Massenartikel des 19. Jh. als Kalenderblatt für fromme Haushalte. Offenbar kannte auch unser Künstler dieses Motiv und verwendete es im Villmarer Taufgemälde.

Literarisch hat kein geringerer als Molière dem verlorenen Kunstwerk ein Denkmal gesetzt, indem er in «Gloire du Val-de-Grâce» von den „Trois miracles de l’art (= Drei Wunderwerken der Kunst) spricht – gemeint sind die Fresken in St. Eustache. Auch Flaubert hat offenbar dem Bild (in einer Adaption) seine literarische Reverenz (und Referenz) erwiesen, in der Erzählung «Un coeur simple» (dt. Ein einfaches/schlichtes Herz).

Mignard hat aber diese Bildkomposition nicht erfunden, sondern sie hat mindestens einen älteren Vorläufer aus der Hand des Italieners Francesco Albani (1578-1660), dessen Werke sein älterer Bruder Nicolas (1606-1668) in Rom zu Studienzwecken kopierte. Pierre Mignard hielt sich ebenfalls 22 Jahre in Italien auf.

Geisterschiff

„Geisterschiff“ im Taufgemälde der Villmarer Pfarrkirche.

Eine Kuriosität des Villmarer Gemäldes ist noch der Erwähnung wert: In den Wassern des Jordans ist links unten eine Art winziges „Geisterschiff“ mit Fahne und Besatzung versteckt. Ob dieses nur ein Scherz des Künstlers war oder eine tiefere Bedeutung hat, wird wohl ein Rätsel bleiben.

The Heidelberg “Schlossbeleuchtung” and the age of spectroscopy

October 23, 2015

If you walk down the famous Hauptstraße (Main Street) in the old town of Heidelberg you may notice a memorial plate on the facade of the “Haus zum Riesen” (No. 52) which tells you that Gustav Kirchhoff and Robert Bunsen laid here the foundations of modern spectroscopy. Besides the new opportunity to detect elements in small quantities and the discovery of two new elements (caesium and rubidium) from salt of Dürkheim mineral water), a pioneering major breakthrough of this marvellous collaboration of a physicist and a chemist was the application of spectral analysis to celestial bodies – opening the field of cosmic chemistry.

Less well known is the background of their idea. In a 1912 article, Heidelberg astronomer Max Wolf mentions in a footnote an oral tradition by Henry Enfield Roscoe via Bohuslav Brauner (a student of Bunsen and Roscoe): On the occasion of a visit of the Grand Duke of Baden in Heidelberg (probably on 1 June 1860), the Heidelberg Castle was illuminated (“Schlossbeleuchtung”) at night with Bengal fire. Bunsen pointed from the roof of his laboratory a prism set against these flames and observed clearly the green lines of barium and the red lines of strontium. He said to Kirchhoff: “If we could see at that distance, which substances were glowing in these flames – why could we not also determine out of which substances the celestial bodies consist?” – Thus, the spectral analysis of the sun and the stars was born.

Footnote from Max Wolf's article "Der Einfluss kosmischer Probleme auf die Entwicklung der Spektralanalyse", Zeitschrift für Elektrochemie und angewandte physikalische Chemie 18, p. 457 (1912).

Footnote from Max Wolf’s article “Der Einfluss kosmischer Probleme auf die Entwicklung der Spektralanalyse”, Zeitschrift für Elektrochemie und angewandte physikalische Chemie 18, p. 457 (1912).

At a workshop at MPIK for this year’s International Summer Science School Heidelberg students, I prepared an experiment demonstrating this historic discovery. The students were looking at the flames of red and green Bengal fire through a simple hand spectroscope and could identify the spectra of strontium and barium.

Hand spectrometer used for the workshop.

Hand spectrometer used for the workshop.

Spectra of Sr and Ba in red and green Bengal fire flames.

Spectra of Sr and Ba in red and green Bengal fire flames.

A Neutrino Matchbox

October 6, 2015

Neutrinobox-Golden_Ratio

This box contains about …

8,300 Cosmic background neutrinos of each species, i.e. 50,000

320 Solar neutrinos

7.5·P/D2 Reactor neutrinos (P: thermal power in GW, D: distance in km)

Traces of supernova & atmospheric neutrinos, geoneutrinos


The front side of the box mantle tells you how many neutrinos (of different kind and from different sources) are contained in the box (148 cm3 volume). The back ‘Dark Side’ the composition of the total energy of the universe in form of a pie chart.

The proportions of the three edges of the box follow the golden ratio and the absolute value of the middle-size edge length is 5.29 cm, i. e. 1 Billion times the Bohr radius.

Inside is an (updated) excerpt from John Updike’s poem ‘Cosmic Gall’ (original version published in The New Yorker on Dec. 17, 1960) on top of the first bubble chamber picture of a neutrino event (Nov. 13, 1970).

One of the face sides illustrates geometrically two (phenomenological) relations of the neutrino mixing angle ϑ12 to the golden ratio (see also http://arxiv.org/abs/0903.0531).


The papercraft sheets (PDF) of the Neutrino Matchbox can be downloaded here: (English version, German version).

A violent tornado in mid-18th century Germany: the Genzmer Report

September 7, 2015
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Title vignette of the Genzmer Report 1765 depicting the “wedge-shaped” tornado.

250 years ago, German scientist Gottlob Burchard Genzmer (1716-1771) published a detailed study of a violent tornado event which hit the eastern part of today’s German federal state Mecklenburg-Vorpommern on June 29 1764. The report consists of a foreword and seven letters Genzmer wrote to the minister of Mecklenburg-Strelitz who asked him for a survey of the damage and the circumstances of this natural disaster. Genzmer started his research on August 30 and completed his work on December 18. The report was published in form of a book in 1765 including two copper plate illustrations by the author: one sketch of typical tree damage and a map of the tornado path. The title vignette depicts poorly the appearance of the wedge-type tornado at the lake shore near the city of Feldberg. Genzmer provides a detailed description of the tornado impact based on damage still visible as well as eye witness reports. With respect to the latter, he critically scrutinizes possible exaggeration and inconsistencies. This concerns particularly “incredible” damage such as large oaks stubs ripped off the ground.

Gottlob Burchard Genzmer (1716-1771) [Wikipedia, in German]

Digitalized version of the 1765 book [Bayerische Staatsbibliothek]

PDF transcript of the Genzmer Report [B. Feuerstein 2005, full text with figures, in German]

Poster about the Genzmer Report (1765) at ECSS 2015 (Wiener Neustadt)

Besuch im Limburger Bischofshaus: Versailles oder Escorial? Ein Psychogramm der Maßlosigkeit

September 1, 2015

An einem heißen Augustsamstag Anno 2015 hatte ich als Teil einer Gruppe des Villmarer Kirchenchores die Gelegenheit, an einer Führung durch das Limburger Bischofshaus teilzunehmen. Der von einer Kunsthistorikerin kompetent geleitete Rundgang nahm 1 ½ Stunden in Anspruch und eröffnete interessante und sehenswerte Einblicke in ein Bauwerk, dessen Entstehungsgeschichte und die Amtsführung seines Bauherrn internationales Aufsehen erregt hatte. In gewisser Weise tat es gut, das Anwesen mit zeitlichem Abstand zu betrachten und es kann m. E. als gebautes Psychogramm gedeutet werden. Drei Ebenen des Zugangs zu diesem Bau lassen sich unterscheiden: Auf den ersten oberflächlichen Blick (so äußern es immer wieder Besucher) erscheint dieser in seinen Formen schlicht, ja fast asketisch und bar jeden äußerlichen Prunks. Aber schon bei der etwas näheren Betrachtung fällt die ungeheure Qualität der Materialien und deren Verarbeitung auf – hier wurde in der Tat an nichts gespart. Erst auf der dritten Ebene erschließen sich die zugrunde liegenden Baugedanken, die sich in der Komposition und in verschiedenen Details zeigen. Ein wiederkehrendes Element ist die (maßlose) Übertreibung, die aber zugleich an ihre (räumlichen) Grenzen stößt und Widersprüchlichkeiten offenbart.

Die Führung begann im Vorhof zwischen der restaurierten alten Domvikarie (Haus Staffel, ein gotischer Fachwerkbau mit Steinsockel aus dem späten 15. Jh.) und dem ehem. Küsterwohnhaus (ein Jugendstilgebäude) vor dem wuchtigen Bronzeportal, welches den Windfang des Haupteingangs hofseitig verkleidet. Es zeigt auf den zentralen Türflügeln das Bistumswappen, begleitet auf den festen Elementen v. l. die Bistumsheiligen Katharina Kaspar, Georg, Nikolaus und Hildegard v. Bingen. Das schwere schwarze Gittertor zum Domplatz steht in merkwürdigem Kontrast zum restlichen Anwesen und würde eher zu einem Industriebau passen. In die grauen Pflastersteine des Hofs sind die Namen der Limburger Bischöfe eingraviert. Eine nette Idee, nur fast nicht zu sehen – vielleicht wendet sich dies nur an den aufmerksameren Betrachter.

Über den Neubau und Vikarie verbindenden Flur (Treppenhaus) ging es in den Sekretariatsbereich, wo sofort die ausgesucht edlen Materialien ins Auge fallen – die extrem hohe Qualität der Holzverarbeitung bleibt auch einem Laien nicht verborgen, wie auch die maßlos in die Höhe gestreckten Sonderformate der Türen – selbst zu den Sanitärbereichen. Aber schon an dieser Stelle wird die beklemmende Wirkung der fast vollständigen Überbauung des Geländes offenbar: Der Blick aus den Fenstern fällt entweder auf nahe Wände oder auf die umgebende Mauer. Hier stößt die Maßlosigkeit an ihre Grenzen: Freiräume werden zu erdrückenden Schluchten, die Residenz zum Gefängnis.

Weiter ging es in die Vikarie, die von den ersten Planungen (noch zur Amtszeit von Bischof Kamphaus) an als Amts- und Wohnsitz der Limburger Bischöfe ausersehen war. Es ging nicht zuletzt um den Erhalt und die sinnvolle Nutzung eines wertvollen, das Ambiente des Dombergs prägenden Fachwerkbaus. Im Zuge der weiteren Planungen wurde dieser Gebäudeteil zu den Amtsräumen des Bischofs. Aufgrund starker Bauschäden wurde die Vikarie schließlich völlig entkernt und aus statischen Gründen durch ein „Haus im Haus“ völlig umgestaltet. Dies allein ist in Limburg kein unbekanntes Verfahren und oft der einzig sinnvolle Weg zum Erhalt einer historischen Außenhaut. Hier aber lief es völlig aus dem Ruder: Unter Verwirklichung zeitgemäßer Raumhöhen wurden in das Innere alte Holzbalken integriert, die aber gar nicht aus dem Gebäude stammen, sondern historische Substanz nur imitieren. Dies zieht sich hinauf bis ins Dachgeschoss, wo ein nachgeahmter Dachstuhl ein mittelalterliches Raumgefühl erzeugen soll, das es an dieser Stelle so nie gegeben hat. Der dort vorgesehene Bibliotheksbereich ist aus statischen Gründen nebenbei gar nicht als solcher mit schweren Büchern zu füllen. Die noch weiter oben eingezogene Empore als zusätzlichen Arbeitsplatz (für wen auch immer) möchte ich gar nicht weiter kommentieren. Bei den Fenstern hat man neben der üblichen Doppelung – historisierende Fenster außen, moderne Ausführung im Sinne der Wärmedämmung innen – die Mühe nicht gescheut, die Innenfenster genauso kleinteilig auszuführen (obgleich man es von außen gar nicht sehen würde). Wieder Scheinarchitektur als Programm. Apropos sehen: Alle modernen Fenster in der Vikarie lassen sich auf Knopfdruck blind schalten (Bahnfahrer kennen diese technische Spielerei aus den Glaswänden der ICE-Cockpits). In Wahrheit auch nicht mehr alle, denn die Technik scheint ihre Macken zu haben und fällt gelegentlich aus. Dass es zusätzlich elektrisch fahrbare, durchscheinende Vliesrollos zwischen den Fenstern gibt, die neben Blend- auch Sichtschutz bieten, sei nur am Rande erwähnt. Der Bedienkomfort leidet generell unter Überfunktionalität – einfach mal Licht einschalten? Fehlanzeige! Wirklich gelungen ist aber die moderne Wendeltreppe im historischen Treppenturm, welche die erhaltene alte (aber funktionslos gewordene) Holzspindel umgibt und sichtbar lässt. Die indirekte Beleuchtung der Treppenstufen (Eiche) ist ein wiederkehrendes Element – auch im Neubau.

Dieser wurde nun im Kellergeschoss erreicht, welches in den ursprünglichen Planungen gar nicht vorgesehen war. Insgesamt waren von der Sedisvakanz nach Kamphaus angefangen nacheinander vier Architekturbüros mit den Planungen beauftragt. Der erste Entwurf, von dem später noch zu sprechen sein wird, kannte noch keine Unterkellerung. Unter Tebartz-van Elst sollte sich dies ändern und immer größere Ausmaße (von ca. 200 qm auf ca. 735 qm) annehmen – die einhergehenden Probleme (Unterfangen der Vikarie, Felsausfräsungen) und Folgekosten kann man dem Untersuchungsbericht entnehmen. Beim Übergang in den Neubau wird bei näherer Betrachtung eine weitere Schwäche offenbar: der Hang zur Materialschlacht. Neben das dunkle, polierte Edelholz und den hellen Korallenkalk „Drosselfels“ tritt nun gewachsener Fels, heller Split davor, am Boden Terrazzo und an den Wänden Grauklinker. Alles natürlich vom feinsten, aber irgendwie des Guten zu viel (gut, über Geschmack will ich hier nicht streiten). Die Einbeziehung des Domfelsens war natürlich eine geniale Idee (auch wenn aus Karstklüften stellenweise der Lehm bröckelt), welche im „Konradinerkeller“ gipfelt, wo auf dem Fels die Ruine eines mittelalterlichen Befestigungsturmes (beim Bau zufällig aufgefunden) einbezogen wurde. Die Sitzgruppe darin (lederbezogene Würfel) ist reizvoll – sonstige Sitzgelegenheiten sind aber rar und auf langgestreckte Tafeln beschränkt, die aber freilich eine andere Funktion haben. Die Bequemlichkeit des Mobiliars ist aber wiederum herausragend. Die Reihe der Portraits der bisherigen Amtsinhaber – einschl. TvE noch zu Amtszeiten – sind Kopien der Originale im Ordinariat. Altbischof Kamphaus fällt in der Art der Darstellung wohltuend aus dem Rahmen. Der Konradinerkeller ist übrigens kleiner als die verbreiteten Weitwinkelaufnahmen es suggerieren, aber neben der Kapelle m. E. der schönste Raum des Bischofshauses.

Die nicht zugänglichen Privaträume wurden anhand einer Bildershow vorgestellt – letztlich recht langweilig, da das Inventar in einer Armada von Umzugswagen wegtransportiert wurde. Maßlos aber die Wohnfläche von mehr als 280 qm auf zwei Etagen. Die engen Freiflächen erlauben nur wenig Bepflanzung – nüchterne Kiesflächen herrschen hier vor und erinnern (wie das Anwesen insgesamt mit seinen technischen Spielereien) an die „Villa Arpel“ in Jacques Tatis „Mon Oncle“ – eine übertechnisierte Wohnmaschine mit einem Designergarten und Spalierbäumchen (diese finden sich an der Wand des angrenzenden Diözesanmuseums). Auf einen kleinen Freiraum der Südseite zwängt sich ein schlanker Baum aus der Familie der Robinien, der nicht ganz jung ist und mit ziemlichem Aufwand hierher verpflanzt worden sein muss. Ein Mitbringsel aus dem Heiligen Land ist ein kleiner Olivenbaum auf der Nordseite(!), dessen Überleben im mitteleuropäischen Winter er – wie es heißt – einer Wurzelheizung verdankt. Nun ja, vielleicht gibt ihm die Klimaerwärmung eine Chance bei steigenden Stromkosten. Der von den öffentlichen Räumen kaum einsehbare kubische Koiteich (ohne Kois) vor der Nordmauer ist unspektakulär und hier lieblos eingezwängt (ähnelt mehr einem Wassertretbecken) – kaum zu glauben, dass hier der Wert eines Reihenhauses verbaut wurde. Bleibt noch zu erwähnen, dass im Bereich der Garderobe und WCs für die Besucher mit Edelholz nicht gespart wurde. Im Kellergeschoss wurden noch ein Zimmer und ein kleines Apartment für Gäste untergebracht.

Es ging wieder hinauf ins Erdgeschoss in das Foyer. Wer dieses als wichtiger Gast durch den Haupteingang betreten darf, schaut zuerst auf eine wunderschöne romanische Sitzmadonna mit dem Kinde vor einem konkaven mattschwarzen Monolith als Hintergrund. Auf der konvexen Rückseite ist quasi als Gegenbild der Hl. Antonius (ebenfalls mit Jesuskind) zu finden. Was der Bodentank mit Steckdose (wenn auch in edler Ausführung mit Metallklappe) direkt vor der Madonna zu suchen hat, erschließt sich vielleicht nur dem Fachplaner Elektro. In Wandnischen links und rechts (die sich rechts zu Durchbrüchen öffnen) ruhen vier weitere Heiligenfiguren – merkwürdigerweise auf hier glänzendschwarz gefassten Konsolen. Der Goldhintergrund der Figuren links ist ein weiteres Beispiel für mangelnde Kunst der Beschränkung. Überhaupt die Kunst … aus dem Depot des Diözesanmuseums hervorgeholt oder von Gemeinden „auf Anfrage“ erworben und – wie auch wertvolles historisches Mobiliar – durchaus sehr geschmackvoll in der nüchternen Architektur inszeniert, ist sie doch letztlich sowohl der liturgischen wie der musealen Funktion entzogen. In den öffentlichen Bereichen mag dies vertretbar sein – je weiter es aber hiervon weggeht, umso befremdlicher wird es. Ganz abgesehen von konservatorischen Fragen. Generell ist auch eine Tendenz zur Überrestaurierung festzustellen und darin eine Art Furcht vor dem unvollständigen, beschädigten und verletzten. Willkommen in der heilen Welt des Tebartz-van Elst. Wer authentische Kunst sehen will, muss nach nebenan ins Diözesanmuseum gehen.

Vom Foyer öffnet sich der Blick ins zentrale Atrium mit Doppelsäulen – hier handelt es sich um den größten Freiraum des Anwesens, der dennoch etwas zu klein geraten ist, was die gestreckten Proportionen des Umgangs noch verstärken. Der Korallenkalk leidet übrigens schon sichtbar unter der Witterung und bröselt vor sich hin – Lahnmarmor (der ganze Domfelsen besteht daraus) wäre robuster. Der zentrale Brunnen in Bronze zeigt symbolisch die vier Evangelisten und darüber schwebend den heiligen Geist in Taubengestalt. Das von Schale zu Schale (dank Heizung auch im Winter) immerwährend fließende Wasser soll die Weitergabe der „Frohen Botschaft“ von Generation zu Generation illustrieren, hat aber seit längerem diese Funktion (warum auch immer) ebenfalls ganz zeichenhaft eingebüßt.

Nach diesem Menetekel stand der Besuch der monolithisch schwarz aufragenden Kapelle an, deren äußeres Erscheinungsbild ja in der Domstadt kontrovers diskutiert wurde. Die Ästhetik erinnert (wie auch historisches Mobiliar bzw. Kunst) ein wenig an eine Mischung aus Kubricks „2001“ und dem Domizil eines James-Bond-Bösewichts. Ein Geniestreich ist aber in der Tat die Blickbeziehung vom Atrium über die Vikarie zur Westfassade des Doms und die Art, wie die Kapelle die Dachform der Vikarie aufnimmt. Über das Material – ein fast schwarzes mit Glimmer durchsetztes plutonisches Gestein (Grabbo) aus Simbabwe(!) mit dem schicken Namen „Nero assoluto“ – kann man geteilter Meinung sein. Die Villmarer Choristen fanden es bei näherer Betrachtung im Sonnenlicht jedenfalls mehrheitlich auch ganz schick. Der Heilige Geist scheint dies anders zu sehen: die Limburger Stadttauben verleihen dem Dachfirst ein helles Fleckenmuster.

Die Kapelle – m. E. der am besten gelungene Teil des Ensembles, nicht zuletzt der schmalen Schreiter-Fenster wegen. Aber auch dieser Raum ist nicht frei von Geschmacklosigkeiten im Detail in Gestalt vergoldeter Barockleuchter (die silbern sein müssten) und das Reliquienfenster des Altars entwerten. Aber gut – auf diesem verfeinerten Niveau wollen wir nicht meckern. Kommen wir zur bemerkenswerten, ja geradezu phänomenalen Akustik (der Chor musste diese gleich mal durch den Vortrag des „Alta Trinita“ testen)! Klangschön, aber im Verhältnis zum Raum durch akustische Tricks auf Kathedralverhältnisse gebracht – man betritt ein akustisches TARDIS. Im Gegensatz dazu wirkt der Innenraum durch die konturenarmen weißen Wände innen kleiner als er ist, obgleich seine übersteigerten 11 m Höhe mit den größeren Landkirchen (z. B. Villmar mit 11,1 m Gewölbehöhe) des Bistums konkurriert. Die nachträglich eingebaute Adventskranzaufhängung stört übrigens die Optik der Decke empfindlich.

Das nächste Beispiel findet sich gleich im gegenüberliegenden Emmaussaal (benannt nach dem Barockgemälde an der Stirnseite, die Trapezform seines Grundrisses geschickt perspektivisch ausnutzend), der als Konferenzraum oder für ein repräsentatives Dinner angelegt ist. Der Tisch darin ist aus einem massiven Walnussstamm (in vier Teilen) gefertigt und auf Hochglanz poliert – nur ist die ganze Pracht unter einer schützenden Tischdecke verborgen und so den Blicken der Nutzer entzogen.

Vom Atrium aus bekommt man auch einen guten Überblick über die zugrunde liegende Bauidee. Die Hauptachse der Gesamtanlage zieht sich vom Bronzeportal über den zentralen Brunnen zur einer schwer ausgeführten Doppeltür, die antikisierend von vier Nischen flankiert wird, von denen die inneren beiden je eine kleine Skulptur aus grauem Wirbelauer Lahnmarmor tragen (ob in den äußeren etwas fehlt, blieb mir unklar). Und diese Tür als Fluchtpunkt der ganzen (Selbst)inszenierung führt direkt in die Privatgemächer des Bischofs! Die Kapelle ist auf die Seite gedrängt, auch wenn sie nach außen hin optisch dominiert. Es wird deutlich gemacht, wer hier wohnt und auf wen der Bau bezogen ist. Die Trennung von Privatperson und Amt ist dabei völlig aufgehoben, ja geradezu invertiert. Dies ist baulicher Ausdruck eines Amtsverständnisses, an dessen Auswirkungen nicht nur das Bistum heute noch leidet.

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf den ersten Bauplan aus der Zeit der Vakanz, bevor Tebartz-van Elst die Bauregie übernahm. Hier wurde auf nicht einmal einem Drittel der Gesamtfläche (einschl. Vikarie und Küsterhaus) ein „El Escorial“ en miniature entworfen mit einem Atrium zwischen den beiden Bestandsgebäuden, in dessen Mittelachse ein „Oratorium“ (Hauskapelle) vorgesehen war. Dahinter die bischöfliche Wohnung in bescheidenen Ausmaßen. Die gesamte Neubaufläche hätte knapp 150 qm betragen (kurioserweise wurde dieser Entwurf in der Öffentlichkeit als zu kostspielig kritisiert). Verwirklicht wurden am Ende ca. 1300 qm Neubau in Form eines misslungenen Versailles, das zwar die Wohnung des Hausherrn ins Zentrum rückt, aber dennoch absurderweise in Klostermauern eingezwängt ist. Da für einen Privatgarten kein Platz mehr blieb, wurde der gerade erst fertig gestellte „Mariengarten“ hinter dem Diözesanmuseum wieder platt gemacht und dem Neubauprojekt zugeschlagen – in Form eines Designergartens, wo Hochbeet-Rasenflächen sich nun hartnäckigen Angriffen des Gemeinen Löwenzahns zu erwehren haben. Am Rande sei erwähnt, dass für den vom Hausherrn gewünschten Durchgang zum Garten durch das Museum, dessen Sicherheitstechnik aufwändig modifiziert werden musste.

Fazit: Ein durchaus sehenswertes Gebäude, das viel über seinen Bauherrn aussagt. Auch wenn (bis auf Ausstattungsgegenstände) weitgehend schnörkellos, ist das Bischofshaus vom barocken Geist der Übertreibung durchdrungen – so würde ein Fürstbischof sich heutzutage inszenieren (und die Kardinaltugend des Maßes ignorieren). Ein Besuch – am besten unter fachkundiger Führung – ist zu empfehlen und durch das bloße Betrachten von Fotos nicht zu ersetzen.

 

Abschlussbericht zum Bau und dessen Finanzierung:
https://www.bistumlimburg.de/fileadmin/redaktion/Portal/Meldungen/2014/Sedisvakanz/Abschlussbericht__Endfassung_14_02_2014_docx_Stand_25_3_20-205_INT-dbk.pdf

Bilder und Videos des Bischofshauses:
https://www.bistumlimburg.de/bischofshaus.html

Rain-wrapped tornado – der Teufel im Regenpelz

May 6, 2015
Durch ihre Seltenheit wird die Gefahr, die von Tornados ausgeht, in Deutschland immer noch oft unterschätzt (wie überhaupt das Bewusstsein für Naturgefahren geschärft werden könnte). Jüngstes Beispiel der starke Tornado von Bützow am 5. Mai 2015, dessen Stärke im oberen F2, vielleicht sogar im unteren F3-Bereich lag. Nicht selten treten hierzulande Tornados unter so genannten HP(=”high-precipitation”)-Superzellen auf, die von starken Niederschlägen begleitet werden. Dabei wickelt sich der Niederschlag des rückseitigen Abwindes (RFD=rear flank downdraft) gern wie ein Vorhang um den Bereich des rotierenden Aufwindes (Mesozyklone) herum, was den Tornado fast vollständig verhüllen kann. Dieses unter Sturmjägern gefürchtete Phänomen verdeckt für den Unkundigen die Gefahr, die hinter dem scheinbar harmlosen Niederschlag lauert (auch wenn dieser freilich auch ohne Tornado schwere Sturmböen mit sich bringen kann). Bedingt durch Medien und Filme sind viele Menschen auf die typische Trichterform eines Tornados unter einer regenfreien Wolkenbasis geprägt.

Hier einige Beispiele:

1) Der Bützow-Tornado aus der Distanz – anfänglich ist der Wolkentrichter (funnel cloud) noch einigermaßen zu erkennen, wird dann aber vom Niederschlagsvorhang verhüllt (die Kommentare lassen einen – dem Ernst der Situation trotzend – schmunzeln😉 ):
https://www.youtube.com/watch?v=iwhMuoUSHbk

Der gleiche Tornado aus nächster Nähe – die Filmenden erfassen die Gefahr erst, als die Trümmer (u. a. vom Dach des Gebäudes, in dem sie sich befinden) umher fliegen:
https://www.youtube.com/watch?v=MHZFSABTqUU

2) Der F3-Tornado von Großenhain (Pfingstmontag 2010) – zunächst überwiegt die Faszination gegenüber dem nahenden (rotierenden!) Niederschlagsvorhang:
https://www.youtube.com/watch?v=YK9BTeMXSHI

Dann überrascht der Hagel:
https://www.youtube.com/watch?v=TbtMg7Y59HM

Und schließlich sorgt der Tornado für Panik (der Schornstein im Hintergrund wurde durch den Tornado übrigens zerstört):
https://www.youtube.com/watch?v=GyQ8kg8uU2M

3) Der Tornado von Bad Schwalbach am 10. August 2014 – auch hier nur diffuse Strukturen und schlechte Sicht durch Regen. Man beachte die ab der Hälfte des Videos sichtbaren herabfallenden Trümmer:
https://www.youtube.com/watch?v=NsB9m–58wM

Dieser Beobachter erkennt die Gefahr besser – rät die Fenster zu schließen; gegen Ende dann Übergang in den RFD-Downburst, der dem Tornado folgte:
https://www.youtube.com/watch?v=Q9a7WiqDgWY

Ein Garten wird verwüstet – aber die Steaks blieben kurioserweise heil:
https://www.youtube.com/watch?v=YDY5VOY-jfM

Unterirdisch

March 20, 2014

Es ist nicht mehr ganz aktuell, aber ich habe jetzt erst die Zeit gefunden, mich so richtig über diese Schlagzeile aufzuregen, die gute Chancen hat, zur dümmsten Forschungsmeldung des Jahres gekürt zu werden (der Fairness dem ORF gegenüber – es gab weitere ähnliche Bespiele): http://science.orf.at/stories/1734942/

Gut, das Wort ‘Ozean’ wurde in Anführungszeichen gesetzt – das sollte für den halbwegs gebildeten Leser reichen. Aber wenn man sich die Rezeptionsgeschichte (z. B. in Internetforen) ansieht, so scheint bei nicht wenigen die Botschaft angekommen zu sein, man habe einen realen unterirdischen Ozean nachgewiesen. Um zu erfahren, dass dies ein (hinkender) Vergleich zur Veranschaulichung der Gesamtmenge des im Gestein gelösten Wassers war, musste man schon den Artikel lesen. Wer ihn lediglich überfliegt und vielleicht noch Jules Verne als Stichwort wahrnimmt, kann leicht Opfer der eigenen Assoziation eines Lesers bürgerlicher Fantasie-Literatur werden.

Um eine Analogie zu bemühen: zur Veranschaulichung der im Meerwasser gelösten Goldmenge kann der Verweis ‘Dreimal Fort Knox im Ozean’ leicht zu Missverständnissen führen, denn das ozeanische Gold liegt sicher nicht in umherschwimmenden Goldbarren vor.

Funny Statistics

January 5, 2014

funny statistics
73 – the best number?