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Hl. Geist und Geisterschiff: Gemälde „Taufe Christi“ in Villmar wird 250

January 10, 2016

Vorbilder des Kunstwerks liegen in Frankreich und Italien

An dieser Stelle sei aus aktuellem Anlass einmal ein kleiner Exkurs aus dem feldfreien Raum in das Areal der Kunstgeschichte gewagt. Die Weihnachtszeit schließt am heutigen Sonntag nach Dreikönig mit dem Fest der Taufe Jesu. Das biblische Geschehen im Jordanfluss ist in der in der Taufnische der Pfarrkirche St. Peter und Paul Villmar als Ölgemälde dargestellt, das ein unbekannter Künstler im Jahr 1766 schuf. Vorbild war ein populäres Gemälde des französischen Malers Pierre Mignard, das wiederum italienische Einflüsse zeigt.

Taufe Christi

Taufstein (1722) und Ölgemälde „Taufe Jesu“ (1766) in der Taufnische der Villmarer Pfarrkirche.

In diesem Jahr ist es 250 Jahre her, dass ein namentlich nicht genannter Künstler „für das in die Muschel (gemeint ist die Taufnische) gemachte Bild der „Taufe Christi“ laut Kirchenrechnung einen Lohn von 36 Gulden, 18 Albus erhielt. Das große Ölgemälde zeigt im Vordergrund Jesus rot-grün gewandet im Jordan stehend, den Kopf geneigt und die Arme demütig gekreuzt, von Johannes zur seiner linken die Taufe empfangend. Aus dem offenen Himmel, in goldenem Licht erstrahlend und von Wolken mit vier Engeln darin gesäumt, senkt sich der Hl. Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab; Gottvater, als alter bärtiger Mann in blau-roter Gewandung, breitet seine Hände als Spender des Geistes nach unten aus (die rechte mit zwei angewinkelten Fingern als Symbol der Trinität) und von seinem Mund geht der Spruch des Herrn als Textzeile aus: „HIC EST FILIVS DILECTVS ∙ IN QVO MIHI COMPLACUI (= Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe).“

Der in ein Fell gehüllte Täufer trägt den Kreuzstab, um welchen sich ein Spruchband mit seiner wegweisenden Botschaft wickelt: „ECCE AGNUS DEI ∙ QUI TOLLIT PECCATA MUNDI (= Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.).“ In der linken Hand trägt er ein Buch, auf dem symbolisch das Lamm Gottes ruht; mit der rechten gießt er aus einer Muschel das Taufwasser über Christus. Hinter diesem hält ein Engel ein Handtuch bereit – dieses Motiv ist eine Fehldeutung einer älteren Darstellung, wo die Hände der Assistenz in Gegenwart der heiligen Zeremonie bedeckt werden.

Auf der Suche nach den Vorbildern dieser Taufszene führt die Spur zunächst nach Frankreich: Für den Hochaltar seiner Taufkirche Saint-Jean-au-Marché in Troyes schuf 1666, also 100 Jahr zuvor, der Maler Pierre Mignard (1612-1695) das monumentale zweiteilige Gemälde «Le Baptême du Christ» (dt. Taufe Christi). Bei einer zweiten Version dieses Motivs von Mignard handelte es sich um eines von drei Fresken in der Taufkapelle von St. Eustache (Paris), die Colbert 1669 zusammen mit der Hochzeitskapelle in die alte Westfassade einbauen ließ. Beim Bau der neuen (ziemlich hässlichen) klassizistischen Fassade 1754 gingen die Fresken leider keine 100 Jahre später verloren. Davor aber hat diese Darstellung mit dem „Handtuchengel“ hohe Popularität gewonnen, indem es vielfach kopiert und als Stich gedruckt wurde – bis hin zum Massenartikel des 19. Jh. als Kalenderblatt für fromme Haushalte. Offenbar kannte auch unser Künstler dieses Motiv und verwendete es im Villmarer Taufgemälde.

Literarisch hat kein geringerer als Molière dem verlorenen Kunstwerk ein Denkmal gesetzt, indem er in «Gloire du Val-de-Grâce» von den „Trois miracles de l’art (= Drei Wunderwerken der Kunst) spricht – gemeint sind die Fresken in St. Eustache. Auch Flaubert hat offenbar dem Bild (in einer Adaption) seine literarische Reverenz (und Referenz) erwiesen, in der Erzählung «Un coeur simple» (dt. Ein einfaches/schlichtes Herz).

Mignard hat aber diese Bildkomposition nicht erfunden, sondern sie hat mindestens einen älteren Vorläufer aus der Hand des Italieners Francesco Albani (1578-1660), dessen Werke sein älterer Bruder Nicolas (1606-1668) in Rom zu Studienzwecken kopierte. Pierre Mignard hielt sich ebenfalls 22 Jahre in Italien auf.

Geisterschiff

„Geisterschiff“ im Taufgemälde der Villmarer Pfarrkirche.

Eine Kuriosität des Villmarer Gemäldes ist noch der Erwähnung wert: In den Wassern des Jordans ist links unten eine Art winziges „Geisterschiff“ mit Fahne und Besatzung versteckt. Ob dieses nur ein Scherz des Künstlers war oder eine tiefere Bedeutung hat, wird wohl ein Rätsel bleiben.

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