Kammerers kuriose Koinzidenzen

These strange things happen all the time. [Narrator from “Magnolia”]

Es gibt Zufälle (oder auch nicht) und es gibt Forscher und dann gibt es noch Zufallsforscher. Über den “Horror Casus” (für alle Nicht-Lateiner: mit langem u!) werde ich mich ggf. an anderer Stelle auslassen – hier nehmen wir mal den Zufall als solchen als gegeben an (oder auch nicht). Ein nicht ganz unbekannter Zufallsforscher war der Biologe Paul Kammerer, der sich eigentlich mühte, einen Beweis der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften zu erbringen – eine seiner Assistentinnen war übrigens Alma Mahler, die er abgöttisch verehrte. Ihr widmete er eine Abhandlung “Über Erwerbung und Vererbung des musikalischen Talentes”. Daneben publizierte er 1919 das sprichwörtlich gewordene Werk “Das Gesetz der Serie” über unerklärliche Koinzidenzen zu denen er das Prinzip der “Serialität” entwickelte. Damit nahm er den Gedanken der Synchronizität bei C. G. Jung und Wolfgang Pauli vorweg. Es ist eine moderne Legende, dass ihn die Zufallsforschung in den Wahnsinn und letztlich in den Selbstmord getrieben habe. Vielmehr sah er sich außerstande mit massiven Vorwürfen der Fälschung bei seinen biologischen Forschungen umzugehen und erschoss sich am 23.09.1926.

Das traurige Ende mal beiseite geschoben, sorgt das Kuriosum der Serialität bei selektiver Betrachtung von Alltagsbegebenheiten gerne für Heiterkeit, wie 1995 in einer köstlichen Glosse in der ZEIT beschrieben (ich habe damals wirklich Tränen gelacht).

Eine filmisches Gesamtkunstwerk um das Thema Zufall ist Magnolia von Paul Thomas Anderson. Allein schon der Anfang mit “unglaublichen” (tragischen) Koinzidenzen (Bsp.) ist der Kammerer’schen Serialität verpflichtet und im weiteren Verlauf offenbaren sich die zunächst unabhängig scheinenden Handlungsstränge als schicksalhaftes Geflecht und streben unausweichlich aufeinander zu – begleitet von einem geradezu biblischen Froschregen. Zusammenfassnder Kommentar ist: “This happens. This is something that happens.” Die Bedeutung der Zahl 82 wäre ein eigenes Thema wert, aber ich schweife ab …

Hier nun ohne Anspruch auf Vollständigkeit ein paar eigene Erlebnisse (die bitte mit Humor und nicht zu ernst zu nehmen seien – oder auch nicht):


Die beste Zahl (73, siehe hier)
[12.12.2010]


Rimski-Krankenhaus
[09.04.2011 01:30 MESZ] Jocelyn Towne fragt auf Twitter: “Anybody have any suggestions for a fictional hospital name for I Am I? Let me know!”
In dem Film leidet der Vater der Protagonistin am Korsakow-Syndrom – ich höre just im Radio (ARD-Nachtkonzert) “Sheherazade” von Rimski-Korsakow (in der Klavierfassung).
Meine Antwort: “Rimsky Medical Center”


Die Dixi-Suite
[27.09.2013 vormittags] Im Radio wird die ‘Kleine Suite in a-moll’ Op. 1 von Carl Nielsen angesagt, mit welcher dieser ‘seine erste Duftmarke als Komponist setzte’.
Just in diesem Moment überholte mich ein Transporter mit Mobiltoiletten.


Achatz-ius
[26.01.2014 morgens] Am Morgen eine Betrachtung von Anselm Grün zum Hl. Achatius (einer der 14 Nothelfer) gelesen. Im Text kommt die eingedeutschte Form ‘Achaz’ vor.
Vor dem Institut dann Bauarbeiten der Fa. Bilfinger Achatz GmbH.


Rosa-weiß
[08.10.2014 nachmittags] Im Kaffeebereich steht auf einem Tisch ein Teller mit diesen leckeren Minz-Schokolinsen in rosa und weiß.
Da kommt in diesem Moment im Flur eine Kollegin in weißer Bluse und rosa Hose entgegen.


Wüsten und Gärten
[28.09.2015 vormittags] Ich sitze in der Kirche kurz vor Beginn eines Gottesdiensts und grüble über einem Presseartikel zu einem Flüchtlingsprojekt (Einrichtung eines Interkulturellen Gartens auf einem wüsten Kirchengrundstück). Da kommt mir das NGL “Wo ein Mensch Vertrauen gibt … usw. … der aus Wüsten Gärten macht” in den Sinn.
Das Eröffnungslied war zu meiner Überraschung just selbiges.


Sequenz in a-moll
[26.07.2015] Ein Facebook-Freund lässt mich wissen, dass er gerade das Praeludium (a-moll) BWV 543 geübt hat.
[28.07.2015] Ich schreibe ihm, dass der Choral No. 3 (a minor) von Cesar Franck mit einem ganz ähnlichen Anfangsmotiv beginnt.
[05.08.2015] Er berichtet, dass er gerade von einem Orgelkonzert kommt, in welchem Francks a-moll-Choral auf dem Programm stand.
[05.09.2015] Er meint scherzhaft, ich sollte doch anstatt der Toccata BWV 565 mal die (für mich völlig unspielbare) Fuge von BWV 543 probieren (guter Witz!).
[28.09.2015] Auf dem Weg nach Heidelberg höre ich eine CD mit den Violinkonzerten von Dvořák and Glasunow, die (wie mir erst später bewusst wurde) beide in der Tonart a-moll stehen.
Ich besuchte dann ein (großartiges!) Orgelkonzert in der Heidelberger Jesuitenkirche, welches mit BWV 543 eröffnet wurde (was ich erst dem Programmheft vor Ort entnahm).
[29.09.2015] Im Anschluss an die Chorprobe der Cappella Palatina fuhr ich zu später Nachtstunde heim und schaltete in gewohnter Weise das Radio ein, wo gerade das ARD-Nachtkonzert begann – und zwar mit Rachmaninows Tondichtung (nach dem Gemälde von Böcklin) “Die Toteninsel” Op. 29 (in a-moll, welche Überraschung), gefolgt von Dvořáks Violinkonzert …

a-moll


Magnificat und Te Deum
[18.10.2015 vormittags] Auf einem Chorwochenende proben wir die Vertonungen des “Te Deum” von Charpentier und Lully sowie ein Magnificat von Steffani. In der morgendlichen Messe steht – völlig unabhängig davon – als Eingangslied “Den Herren will ich loben” (dt. Magnificat) und als Gloria (etwas unliturgisch) die Strophen 5 und 6 von “Großer Gott, wir loben dich” (dt. Te Deum).


Die Mauer
[19.10.2015 abends] Im Anschluss an die Chorprobe in gemütlicher Runde Erzählungen von Erlebnissen historischer Ereignisse, u.a. der “11. September” und (sehr ausführlich) der Herbst ’89 (Mauerfall).
[20.10.2015 vormittags] Im Radio auf hr2 in der “Lesezeit” Lesung aus “Deutschland – Erinnerungen einer Nation” (2) von Neil MacGregor: Mauerbau und Mauerfall.


Poulenc reloaded und Solokonzerte, die mit der Thementür ins Haus fallen
[25.10.2015 morgens] Kaum hatte ich das Orgelkonzert von Francis Poulenc als Abschluss der “Alltime Favourite Challenge” bei Facebook verlinkt, lief im Radio ein Ausschnitt aus dem (bei mir kaum minder beliebten) “Gloria” vom selbigen Komponisten.
[25.10.2015 nachmittags] Poulencs Klavierkonzert gehört zu jenen Solokonzerten, die ohne jegliche Introduktion gleich mit dem (eingängigen) Hauptthema starten – wie auch z. B. das 3. von Rachmaninow oder das Violinkonzert von Mendelssohn. Letztere Umstände Gegenstand von virtuellem Smalltalk. Wie bestellt lief das Mendelssohn-Konzert später im nächtlichen Klassik-Radioprogramm.


Hannover und Heidelberg
[01.11.2015] Im jährlichen Allerheiligenkonzert der Cappella Palatina sang ich u. a. das Magnificat von Agostino Steffani. Dieser war nicht nur Komponist, sondern auch ein weitgereister Kirchendiplomat, der u. a. den Bau der ersten katholischen Kirche in Hannover nach der Reformation verwirklichte. In eben dieser Kirche (St. Clemens) erklang das unter Sequenz in a-moll erwähnte Orgelkonzert und jener Konzertbesucher war vormals Sänger in der Cappella.


Schafhe(i)(u)tle
[11.11.2015] Auf der Heidelberger Hauptstraße am “Café Schafheutle” vorbeigekommen und mich über den Namen gewundert. Vom Einkauf zurück auf Facebook eine Nachricht über das 60-jährige Dienstjubiläum der Organistin Anneliese Schafheitle gelesen.


TAXI!
[01.12.2015] Ein guter Freund und Literaturwissenschaftler schickt mir einen Link zu einem Kurzfilm, der mir gefallen würde. Aus Zeitgründen komme ich erst am Abend dazu, ihn mir anzusehen. Inzwischen schicke ich Musik meines Bruders, dessen “Familienband” am Wochenende zuvor auf WDR5 zu hören war. Es stellt sich heraus, dass es in dem Kurzfilm “Und ich so: Äh” um einen Berliner Taxifahrer mit absurden Alltagssituationen geht. Kurioserweise hat mein Bruder vor Jahren auch drei Taxi-Kurzfilme gedreht (Zitat aus Teil 1: “Aber die Taxifahrer in Berlin sind alle völlig bekloppt. Alle!”):
Taxi – Der Weg ist das Ziel! – PART 1 PART 2 Part 3


Bröckelreaktor
[19.12.2015 8:04 MEZ] In den Radionachrichten nennt ein NRW-Politiker das belgische Kernkraftwerk Tihange 2 einen Bröckelreaktor. Ich wechsele ins Facebookfenster und sehe ganz unten in der Chatliste Frau Bröckelmann (aus NRW).


2001
[22.12.2015] Auf Facebook wird 4’33” von John Cage diskutiert – ich erwähne als Gegenstück Kubricks “2001 – A Space Odyssey”, der mit einem “optischen tacet” beginnt (unterlegt von Ligetis “Atmosphéres”). Auf hr2 Doppelkopf ist als Gesprächspartner zu Gast Andreas Kilb, Filmkritiker der FAZ, den dieser Film nachhaltig geprägt hat.


Obedruff
[09.01.2016] Mein Schwager hatte auf seinem Geburtstagspartybuffet den Reis als Beilage zum Chili con Carne mit “Für obedruff” beschriftet. Eine der Geburtstagskarten sah so aus:

a-moll


Das “Kleine” e-Moll (Bruhns )
[11.01.2016] Momentan versuche ich nach vielen Jahren das “Kleine” e-moll-Praeludium von Nicolaus Bruhns wieder einzustudieren. Zum Geburtstag hatte ich eine Orgel-CD geschenkt bekommen und hörte sie einfach mal unbesehen an – das erste Stück war selbiges.


“Do you like Beethoven?”
[23.01.2016] Mich amüsiert jene Peanuts-Szene über Beethoven. Am nächsten Morgen erhalte ich eine Nachricht mit dem entsprechenden Cartoon (in deutscher Sprache), der gerade auf der Facebook-Seite “Snoopy” eingestellt wurde.


“Zweimal die 8. (1993)”
[07.02.2016] Ein alter Schulkollege erfreute mich mit einem Verweis auf eine wunderbare Einspielung der 8. (oder – je nach Zählweise – der 9.), also jedenfalls der “Großen” C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert mit Günter Wand (Deutsches Symphonie-Orchester Berlin in der Berliner Philharmonie vom 14. Juni 1993). Diese gehört zu meinen Lieblingssinfonien und war das erste sinfonische Werk, das ich mir seinerzeit als Teenager zugemutet habe (kann man sich einen verrückten etwa 13-jährigen vorstellen, der bei trübem atlantisch-zyklonalen Winterwetter “tief im Westen” der alten Bundesrepublik zu dieser Musik wahlweise Michael Endes “Unendliche Geschichte” oder Sagen des klassischen Altertums liest bzw. zu dieser Lektüre solche Musik hört?).
Günter Wand gehörte zu den ganz großen Bruckner-Interpreten – und damit machen wir einen Sprung um gut 10 Jahre (man ist inzwischen Diplomand am Institut für Kernphysik des Strahlenzentrums der Unversität Gießen): Am 24. August 1993* höre ich auf der Fahrt nach Gießen im Radio den täglichen Konzerthinweis des hr2-Festivalkalenders. Dieser bewirbt letzte Restkarten des Rheingau Musik Festivals für die 8. Sinfonie in c-moll von Anton Bruckner mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Günter Wand im Wiesbadener Kurhaus. Bruckners 8.! NDR! Wand! Live! Wiesbaden! – mein Entschluss stand fest … am Spätnachmittag zeitig in die Landeshauptstadt. Zum Glück überschaubare Schlange an der Abendkasse. Platz in der 1. Reihe, ca. 3 m hinter dem Maestro – es war ohrenbetäubend, einmal die blechernen Klanggewalten nahezu aus der Dirigenten-Hörperspektive zu erleben. Unvergesslich! Und nun halt dieser Flashback 1993-1983-1993 … 🙂

*) Wie bekommt man das heraus? Vage wusste ich noch: Sommer 1993 oder so … ein Dienstag … aber es gibt zum Glück solche schönen Dokumente online!

[Tbc]

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