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Ende der Unschuld

November 9, 2016

Das heutige Datum, der 9. November, ist schon ziemlich geschichtsüberladen. Als wäre es nicht genug, hat nun die gestrige Nacht mit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA eine weitere Zäsur hinzugefügt, über deren Folgen nur spekuliert werden kann. Aber darüber will ich gar nicht schreiben, obgleich es den einen oder anderen Bezug geben mag, wenn es um die Fragen von Ursachen, Schuld und Verantwortung geht.

Vor numehr 78 Jahren entlud sich ein staatlich gelenkter und organisierter Terror gegen deutsche Juden. Sie wurden im eigenen Land, dem sie dienten und zu dessen Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft sie beitrugen, für rechtlos erklärt und dem aufgehetzten Mob ausgeliefert, nicht selten untätig und voller Häme beobachtet von ihren Nachbarn. Andere taten ihren Mund nicht auf, sei es aus Gleichgültigkeit oder Angst. Das ganze erscheint einerseits unbegreiflich fern und doch wieder ganz erschreckend nah. Viele sagen dann: “Das hat nichts mit mir zu tun, ich kann nichts dafür, das ist lange her.” Es erscheint auch logisch, statt von “Schuld” von “Verantwortung” der heute lebenden Menschen zu reden. Darüber hat Erik Flügge einen sehr lesenswerten Beitrag geschrieben: “Bin ich schuld an Auschwitz?” Er kommt zu dem Schluss:
Schuld als Teil von sich zu begreifen, hat aber auch ein konstruktives Moment. […] Denn erst wenn man sich selbst als Teil eines Gesamtsystems versteht, in dem sich Schuld aus Tausenden von kleinsten Puzzleteilen zusammen setzt, kann man sich selbst als handelndes Individuum kritisch betrachten und verantwortlich seinen Weg gehen. Spricht man sich selbst die Schuld ab, dann verstellt man sich den Blick auf die eigene Verantwortung.

Das hat mich erschüttert, aber konstruktiv. Ich gehöre ja zu den in der “Gnade der späten Geburt” auf die Welt gekommenen. Aber das Ende des 2. Weltkrieges lag zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein knappes Vierteljahrhundert zurück und die Zeitspanne, die ich selbst bewusst überblicken kann, ist beinahe doppelt so lang. Meine Eltern haben die Zeit von Diktatur und Krieg miterlebt, mein Großvater mütterlicherseits, der mir als Zeitzeuge vieles zu berichten wusste, wuchs noch im Kaiserreich auf. Insofern ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts auch Familiengeschichte – aber ich möchte nicht in diese abschweifen – zurück zu Flügges Blog:

Spontan schossen mir viele Gedanken und Assoziationen durch den Kopf, die ich im folgenden – etwas geordnet – wiedergeben möchte: “Ende der Unschuld” hieß ein Fernsehfilm Anfang der 1990er Jahre. Es ging um das deutsche Uranprojekt während des 2. Weltkrieges und die anschließende Internierung der beteiligten Physiker im englischen Landsitz Farm Hall. Deren Reaktionen auf die Nachricht von Hiroshima wurden heimlich aufgezeichnet. Freilich hatte die Wissenschaft ihre Unschuld schon längst – spätestens 1915 – verloren, als nach dem Plan des späteren Nobelpreisträgers Fritz Haber Giftgas als erstes Massenvernichtungsmittel bei Ypern eingesetzt wurde. Seine Frau Clara Immerwahr missbilligte dies als Perversion der Wissenschaft und wählte am Morgen nach der Siegesfeier den Freitod.

Jetzt könnte ich mich zurücklehnen und etwas von Verantwortung faseln. Oder mich mit der Anwendungsferne von Grundlagenforschung beruhigen – nur dauerte es gerade mal 7 Jahre von einer Zufallsentdeckung zweier Kernchemiker bis zum “Trinity-Test”. Nach nur gut der doppelten Zeitspanne fasst Friedrich Dürrenmatt die Unentrinnbarkeit in den zentralen Satz: Alles Denkbare wird einmal gedacht. Das ist natürlich eine problematische Allaussage, da völlig unklar bleibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit zu welchem Zeitpunkt was auch immer gedacht werden kann. Immerhin hat die Menschheit bisher ihre nukleare Selbstvernichtung vermieden – aber vielleicht haben wir auch nur Glück gehabt? Ich forsche nicht mehr aktiv, sondern vermittle die Ergebnisse der Forschung, und versuche junge Menschen dafür zu begeistern. Nicht nur theoretisch könnte es sein, dass u. a. durch meine Motivationsarbeit jemand am Ende vieler verflochtener Einzelereignisse etwas entdeckt, das vielen Menschen, ja vielleicht der gesamten Menschheit zum Schaden gereichen könnte.

Da kann ich nicht heraus. Und auch aus der Vergangenheit nicht, die uns – ob wir wollen oder nicht – immer beeinflusst. Wie im Film “Magnolia” (1999) der Satz “Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns.” als Gleichnis der Ursünde gelesen werden kann. Dieses Denkmodell entwirft Joseph Ratzinger in seinem Buch “Einführung in das Christentum” (1971): “Von ihr [der Erbsünde] zu reden besagt eben dies, dass kein Mensch mehr am Punkt Null, von der Geschichte völlig unversehrt, anfangen kann. Keiner steht in jenem unversehrten Anfangszustand in dem er nur frei sich auszuwirken und sein Gutes zu entwerfen brauchte; jeder lebt in einer Verstrickung, die ein Teil seiner Existenz selber ist.” Wenn ich im Institut in eine Vitrine mit historischen Apparaturen schaue, so fällt mein Bick auf Graphitblöcke aus den 1940er Jahren – Teil des Uranprojekts. Zeitlich so fern und doch als stummer Zeitzeuge so nah vor Augen.

Vor einiger Zeit habe ich in Karlsruhe die Oper “Doctor Atomic” von John Adams besucht. Das ungewöhnliche Libretto beruht auf Originaldokumenten des Manhattan-Projekts und spielt unmittelbar vor dem ersten Kernwaffentest, von Robert Oppenheimer “Trinity” genannt nach dem Sonett “Batter my heart, three-person’d God” von John Donne. Adams vertont dies am Ende des 1. Akts in einer beeindruckenden Arie Oppenheimers.

trinity

Ähnlich ist mir heute zumute.

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